Die Steuerung moderner Lieferketten ist ein komplexes Unterfangen. Viele Einflussfaktoren lassen sich nicht direkt kontrollieren. Globale Ereignisse wie die Corona Pandemie im Jahr 2020 oder die Blockade des Suezkanals im März 2021 haben gezeigt, wie schnell sich unvorhergesehene Störungen auf den weltweiten Warenfluss auswirken können.

Lieferketten bestehen aus vielen miteinander verbundenen Akteuren. Von Rohstoffproduzenten über Hersteller und Groß- und Einzelhändler bis hin zu Endkunden. Diese enge Verzahnung macht die Abläufe anfällig für externe Einflüsse, die schwer vorhersehbar und noch schwerer zu steuern sind.

Besonders herausfordernd wird es, wenn es um temperaturempfindliche Produkte geht. Branchen wie die Lebensmittelindustrie, der Pharmasektor oder die Biotechnologie stehen vor der Aufgabe, Waren unter konstanten klimatischen Bedingungen zu transportieren und zu lagern. Hier spielt die Kühlkette eine zentrale Rolle.

 

Was ist die Kühlkette?

Die Kühlkette ist ein logistisches System, das darauf ausgelegt ist, verderbliche Waren während ihres gesamten Lebenszyklus – vom Ursprung bis zum Endkunden – innerhalb eines definierten Temperaturbereichs zu halten. Dazu zählen unter anderem frische Lebensmittel, Arzneimittel, Impfstoffe und andere temperatursensible Güter.

Entscheidend ist nicht nur das Kühlen, sondern das konstante Halten der Zieltemperatur. Schon ein kurzer Bruch der Kühlkette kann Qualität oder Sicherheit beeinträchtigen.

Die Kühlkette ist mehr als nur eine technische Prozessreihe. Sie ist ein integraler Bestandteil eines leistungsfähigen Liefernetzwerks – mit höchsten Anforderungen an Kontrolle, Transparenz und Präzision. Unternehmen, die hier zuverlässig agieren, sichern nicht nur Produktqualität und Kundenzufriedenheit, sondern verschaffen sich auch einen klaren Wettbewerbsvorteil.

Produkte, die die Einhaltung der Kühlkette erfordern

Wie funktioniert die Kühlkette?

Die Kühlkette umfasst mehrere Phasen und Kontrollpunkte innerhalb der gesamten Lieferkette, die sicherstellen, dass das Produkt nie seinen sicheren Temperaturbereich verlässt. Grundsätzlich lassen sich dabei folgende Hauptphasen unterscheiden:

Erstverarbeitung und Kühlung am Erzeugungsort

Der Kühlkettenprozess setzt unmittelbar nach der Herstellung, Ernte oder Schlachtung ein. Ab diesem Moment ist es entscheidend, das Produkt schnell auf die erforderliche Zieltemperatur zu bringen. In der Lebensmittelindustrie werden Fleisch und Fisch meist direkt nach der Verarbeitung in Kühlräume gebracht. Milch wird nach dem Melken pasteurisiert und anschließend heruntergekühlt. Diese frühe Temperaturabsenkung verlangsamt das Wachstum von Bakterien und sorgt dafür, dass das Produkt länger haltbar bleibt. In der pharmazeutischen Industrie werden viele temperaturempfindliche Arzneimittel von Beginn an in speziellen Kühl- oder Gefrierschränken aufbewahrt, um ihre Wirksamkeit zu erhalten.

Kühlhauslagerung und temperaturgeführter Transport

Nach der Lagerung im Kühlhaus erfolgt der Weitertransport in speziell ausgerüsteten Fahrzeugen wie Kühlwagen, Transportern oder isolierten Containern. Diese Transportmittel sind so konzipiert, dass sie die vorgeschriebene Temperatur während der gesamten Fahrt zuverlässig halten. Dafür sorgen eine umfassende Wärmeisolierung an Wänden, Boden und Decke sowie unabhängige Kühlaggregate, die den Innenraum unabhängig von den äußeren Witterungsbedingungen regulieren. Zusätzlich sind die Fahrzeuge mit Sensoren oder Datenloggern ausgestattet, die eine lückenlose Echtzeitüberwachung der Temperatur ermöglichen.

Verteilung und Vertrieb der Produkte mit Kühlkettenanforderung

Die abschließende Phase der Kühlkette beginnt mit der Anlieferung in Vertriebszentren, Einzelhandelsgeschäften oder anderen Verkaufsstellen. Hier ist schnelles Handeln gefragt: Die Ware muss zügig in Kühlzonen oder passende Regaleinheiten untergebracht werden. In Supermärkten gelangen Tiefkühlprodukte beispielsweise direkt in gewerbliche Gefriertruhen, während frische Waren in Kühlvitrinen platziert werden.

Zur Endverteilung gehört häufig auch die sogenannte letzte Meile, also die Lieferung frischer Lebensmittel an Endkunden oder von Impfstoffen an abgelegene Gesundheitseinrichtungen. In Fällen, in denen keine kleinen Kühlfahrzeuge verfügbar sind, kommen tragbare Isolierbehälter zum Einsatz, um die vorgeschriebene Temperatur zuverlässig zu halten.

Absatzplanung - der ultimative Leitfaden

 

Risiken bei Unterbrechung der Kühlkette

Schon eine kurzzeitige Unterbrechung der Kühlkette kann erhebliche Risiken für die Produktqualität und sogar für die öffentliche Gesundheit mit sich bringen. Sie führt dazu, dass die Temperatur des Produkts außerhalb des sicheren Bereichs liegt, was gravierende Folgen haben kann:

Verlust der Produktqualität und -eigenschaften

Unterbrochene oder falsche Temperaturen in der Kühlkette können den vorzeitigen Verderb von Produkten verursachen. Lebensmittel verlieren dabei häufig ihre Festigkeit, verändern ihre Farbe oder büßen Geschmack und Textur ein. Temperaturempfindliche Arzneimittel können sich chemisch verändern und dadurch ihre Wirksamkeit verlieren. So bildet beispielsweise Speiseeis, das auftaut und anschließend wieder gefriert, Eiskristalle und verliert seine cremige Konsistenz. Ebenso kann ein Impfstoff, der zu hohen Temperaturen ausgesetzt wird, unwirksam werden, weil seine Wirkstoffe zerstört werden.

Gesundheitsrisiken durch Vermehrung von Bakterien und Pilze

Bakterien und Pilze können sich bei steigenden Temperaturen schneller vermehren. Lebensmittel, die zu lange bei Raumtemperatur lagern, können zu einer Quelle von Krankheitserregern werden, die Lebensmittelvergiftungen verursachen. Ebenso können bestimmte biologische Medikamente unwirksam werden.

Wirtschaftliche Verluste durch Verderb und Abfall

Wird ein verderbliches Produkt bei falschen Temperaturen gelagert oder transportiert, muss es entsorgt werden. Dies verursacht nicht nur unmittelbare finanzielle Einbußen in Höhe des Warenwerts, sondern auch zusätzliche Kosten für die Abfallbeseitigung und die kurzfristige Wiederbeschaffung der Bestände. Darüber hinaus sind auch die ökologischen und sozialen Folgen unnötiger Lebensmittel- und Materialverschwendung zu berücksichtigen.

Rechtliche Folgen und Imageschäden

Viele Branchen unterliegen strengen Vorschriften zur Temperaturkontrolle. Werden diese Vorschriften verletzt, drohen Unternehmen rechtliche Sanktionen, hohe Geldstrafen oder sogar der Entzug der Betriebserlaubnis. Kunden sind zudem berechtigt, Lieferungen abzulehnen, wenn sie eine Unterbrechung der Kühlkette vermuten und können Schadenersatz einfordern. Auch der Imageschaden ist nicht zu unterschätzen: Verdorbene Produkte untergraben das Vertrauen in die Marke und können langfristig Kundenbeziehungen gefährden.

 

Kritische Punkte in der Kühlkette

Bestimmte Situationen im Logistikablauf erhöhen das Risiko für Unterbrechungen der Kühlkette. Durch die Identifizierung dieser Schwachstellen können Unternehmen gezielte Präventivmaßnahmen ergreifen. Die vier kritischsten Phasen sind:

1. Be- und Entladen

Die Be- und Entladung von Produkten in ein Transportfahrzeug oder das Lager, zählt zu den kritischsten Momenten in der Kühlkette. Dabei ist es besonders wichtig, den Einfluss der Außentemperaturen während des Be- und Entladens so gering wie möglich zu halten. Bewährte Maßnahmen umfassen das Vorkühlen der Fahrzeuge vor dem Beladen, den Einsatz isolierter Laderampen und das Vermeiden unnötig langer Türöffnungen.

2. Lagerung in Kühlräumen

Sogar in temperaturgeregelten Lagern bleibt ein Restrisiko bestehen.
Technische Defekte an Kühlsystemen, zu lange geöffnete Türen oder eine unsachgemäße Lagerung können die Kühlkette unterbrechen. Deshalb ist eine kontinuierliche Überwachung mit modernen Sensoren, die bei Abweichungen von den festgelegten Temperaturwerten sofort Alarm auslösen, unverzichtbar.

3. Kühltransport

Der Transport bringt unvorhersehbare Ereignisse wie Verkehr, Verspätungen oder mechanische Probleme mit sich. Die Kühlkette kann durch Geräteausfälle, längere Staus bei heißem Wetter oder Fahrfehler (z. B. Ausschalten der Kühlung während einer Pause) unterbrochen werden. Zu den wirksamen Strategien zur Risikominderung gehören:

  • Zertifizierte und geeignete Fahrzeuge mit ausreichender Isolierung und Kühlleistung für die Art der Ladung (z. B. -20 °C für Tiefkühlwaren gegenüber +4 °C für Frischwaren).
  • Tracking-Systeme, die Abweichungen der Temperaturdaten und Warnmeldungen in Echtzeit liefern und ein schnelles Eingreifen ermöglichen (z. B. Umleitung zu einer nahgelegenen Kühleinrichtung).
  • Software zur Routenoptimierung, die Fahrzeiten minimieren und Risiken vermeiden.

4. Distribution und letzte Meile

Eine Unterbrechung der Kühlkette in der letzten Phase kann sämtliche vorherigen Anstrengungen zunichtemachen. Gerade im Einzelhandel ist das Risiko hoch, da dort die Einhaltung der Standards oft weniger streng überwacht wird. Bleibt beispielsweise Joghurt beim Befüllen der Regale zu lange ungekühlt stehen oder ist ein Gefrierschrank überfüllt und schlecht belüftet, kann die Temperatur ansteigen. Das hat unmittelbare Auswirkungen auf die Produktqualität für den Endkunden.

 

Branchen, in denen die Kühlkette unverzichtbar ist

Für einen Händler von Schrauben und Muttern ist die Temperaturkontrolle irrelevant. Für andere hingegen ist sie von entscheidender Bedeutung. Zu den wichtigsten Branchen zählen:

Lebensmittelindustrie (frisch und tiefgekühlt)

Dazu gehören Fleisch, Fisch, Milchprodukte, Obst und Gemüse, Fertiggerichte, Eiscreme und Tiefkühlkost. Diese müssen innerhalb bestimmter Temperaturbereiche gelagert werden, um Verderb zu verhindern (z. B. 0 °C bis 4 °C für Fleisch und Milchprodukte, etwa -18 °C für Tiefkühlkost).

Eine Unterbrechung der Kühlkette führt zu sofortigen Qualitätseinbußen, bakterieller Kontamination (z. B. Salmonellen) und einer Verschlechterung von Geschmack und Konsistenz. Lebensmittelunternehmen investieren viel in die Aufrechterhaltung der Kühlkette.

Erfahren Sie, wie Sie mit der Software für das MHD-Management von Slimstock die Frische maximieren, Verschwendung reduzieren und die Compliance in Ihren Kühlkettenprozessen sicherstellen.

 

Verderbliche Getränke

Während viele Getränke (z. B. Softdrinks, Wein) nicht gekühlt werden müssen, ist dies bei frischer Milch, nicht pasteurisierten Säften, probiotischen Getränken und Craft-Bieren erforderlich. Sie müssen bei einer Temperatur zwischen 2 und 6 °C gelagert werden, um Verderb zu verhindern.

Pharmazeutische und medizinische Produkte

Arzneimittel, Impfstoffe, Biologika (z. B. Insulin, Hormone) und Laborproben müssen innerhalb enger Temperaturbereiche gelagert werden. Einige COVID-19-mRNA-Impfstoffe mussten beispielsweise bei -70 °C tiefgekühlt gelagert werden, was eine beispiellose logistische Herausforderung darstellte.

Kosmetik und Feinchemie

Es mag Sie überraschen, denn einige Naturkosmetikprodukte benötigen aufgrund des Verzichts auf Konservierungsstoffe eine Kühlung. Auch bestimmte Rohstoffe, wie etwa empfindliche Chemikalien, müssen bis zu ihrer Verarbeitung gekühlt gelagert werden.

Fazit: Die Einhaltung der Kühlkette – mehr Komplexität und ein strategischer Vorteil

Die Kühlkette macht bereits komplexe Logistikprozesse noch anspruchsvoller und bietet gleichzeitig Wettbewerbsvorteile. Es geht nicht nur darum, Waren von A nach B zu transportieren, sondern dabei auch strenge und lückenlose Temperaturkontrollen über verschiedene Teams und Systeme hinweg einzuhalten. Das erfordert Investitionen, Technologie, qualifiziertes Personal und durchdachte Prozesse.

Diese Herausforderung ist auch eine Chance für Unternehmen, die sich durch ein hervorragendes Kühlkettenmanagement auszeichnen. Sie mindern nicht nur Risiken, sondern verschaffen sich auch einen Wettbewerbsvorteil. Die termingerechte Anlieferung von Produkten in einwandfreiem Zustand, die Sicherstellung der Lebensmittelsicherheit oder der medizinischen Wirksamkeit sowie die Minimierung von Verlusten durch Temperaturabweichungen sind entscheidende Wettbewerbsvorteile. Diese Kompetenzen stärken das Image der Marke und fördern das Vertrauen von Kunden, die besonderen Wert auf Zuverlässigkeit und Genauigkeit legen.

 

New call-to-action

Artikel und Inhalte zur Supply ChainBeschaffungsplanungPrognosen & BedarfsplanungSortimentsplanung