Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis- Nachfrageprognose und Unsicherheit: Was hat sich in den letzten Jahren verändert?
- Die Entwicklung der Nachfrageprognose in den vergangenen Jahren
- Der Unterschied zwischen strukturellen und zyklischen Veränderungen
- Historische Nachfragedaten sind keine verlässliche Grundlage mehr für Prognosen
- S&OP als Grundlage für eine abgestimmte Nachfrageprognose
- Der Kunde im Mittelpunkt – unabhängig von der Branche
- Die sich wandelnde Rolle des Nachfrageplaners
- Technologie als Grundlage für moderne Nachfrageprognosen
- KPIs zur Bewertung einer erfolgreichen Nachfrageprognose
- Die zentrale Frage: Wer trägt die Verantwortung für die Nachfrageprognose?
Überblick
Die Nachfrageprognose hat sich durch die seit COVID-19 gestiegene Unsicherheit gewandelt, wodurch die Grenzen einer ausschließlichen Orientierung an historischen Daten deutlich wurden. Dieser Überblick beleuchtet den Übergang zu agiler Planung, funktionsübergreifender Zusammenarbeit sowie Ansätzen, die Daten mit fundierten Erkenntnissen verknüpfen, um zwischen strukturellen und vorübergehenden Nachfrageveränderungen zu unterscheiden.
Ist die Welt heute unsicherer als noch vor zehn, zwanzig oder dreißig Jahren? Vieles spricht dafür, oder zumindest wird es von vielen Menschen so wahrgenommen. Spätestens seit der COVID-19-Pandemie sind Unsicherheit und Volatilität zu prägenden Faktoren für Unternehmen geworden. Kaum ein anderes Ereignis der vergangenen Jahrzehnte hat Wirtschaft, Gesellschaft und globale Lieferketten so nachhaltig beeinflusst.
Diese anhaltende Unsicherheit stellt die Supply-Chain-Planung vor großen Herausforderungen, insbesondere einen ihrer zentralen Bausteine: die Nachfrageprognose. In diesem Beitrag beleuchten wir, was sich im Demand Forecasting verändert hat und wie Unternehmen ihre Prognosen an die neuen Rahmenbedingungen anpassen können.
Die Entwicklung der Nachfrageprognose in den vergangenen Jahren
Die Nachfrageprognose war schon immer eine zentrale Aufgabe in der Lieferkette, doch in den letzten Jahren hat sich die Herangehensweise daran grundlegend gewandelt. Während sich Unternehmen früher bei der Erstellung ihrer Prognosen hauptsächlich auf historische Daten stützten, agieren sie heute in einem Umfeld, in dem Störungen immer häufiger auftreten und schwer vorhersehbar sind. Die Pandemie, geopolitische Konflikte und Versorgungsengpässe bei Rohstoffen haben gezeigt, dass sich das Nachfrageverhalten innerhalb weniger Tage drastisch ändern kann.
Angesichts dieser Realität mussten die Planungsprozesse agiler werden. Während der COVID-19-Pandemie beispielsweise stellten viele Unternehmen – insbesondere im Gastgewerbe – von monatlichen Prognosen auf wöchentliche oder sogar tägliche Überprüfungen um, um sich an einen sich ständig verändernden Markt anzupassen.
Diese Umstellung hatte auch Auswirkungen über die Prognose hinaus. Unsicherheiten hinsichtlich der Versorgung und steigende Rohstoffkosten haben viele Unternehmen dazu veranlasst, ihre Lagerbestände aufzustocken, um die Produktverfügbarkeit sicherzustellen. Übermäßige Bestände sind jedoch aufgrund der damit verbundenen zusätzlichen Investitionen, Risiken und Belastungen für die Lieferkette keine nachhaltige langfristige Lösung.
Der Unterschied zwischen strukturellen und zyklischen Veränderungen
Wir leben in einer Zeit des ständigen Wandels – doch nicht jede Veränderung ist von Dauer.
Eine der größten Herausforderungen im Demand Forecasting besteht darin, zu erkennen, ob eine Veränderung am Markt nur vorübergehend oder dauerhaft ist. Während zyklische Veränderungen meist durch einzelne Ereignisse ausgelöst werden und mit der Zeit wieder abklingen, führen strukturelle Veränderungen zu nachhaltigen Anpassungen im Kaufverhalten, in Vertriebskanälen oder bei den Bedürfnissen der Kunden und Kundinnen.
Die COVID-19-Pandemie hat zahlreiche Beispiele für beide Entwicklungen geliefert. Einige Nachfrageschwankungen standen in direktem Zusammenhang mit den damaligen Einschränkungen und normalisierten sich später wieder. Andere Veränderungen haben sich hingegen dauerhaft etabliert. Das Wachstum des E-Commerce ist dafür das wohl bekannteste Beispiel. Was zunächst als Reaktion auf eine Ausnahmesituation erschien, entwickelte sich zu einer nachhaltigen Veränderung des Einkaufverhaltens.
Für Planungsteams liegt der Schlüssel darin, zu erkennen, wann sich diese Veränderungen konsistent in den Daten widerspiegeln. Verändern sich Kaufhäufigkeit, Konsumgewohnheiten oder Nachfragemuster über einen längeren Zeitraum hinweg kontinuierlich, ist es nicht mehr sinnvoll, von einer Rückkehr zu früheren Verhaltensweisen auszugehen. In solchen Fällen muss sich die Nachfrageprognose schnell an die neue Realität anpassen. Dafür sind sowohl fundierte Datenanalysen als auch betriebswirtschaftliches Know-how erforderlich, um belastbare und fundierte Planungsentscheidungen zu treffen.
Historische Nachfragedaten sind keine verlässliche Grundlage mehr für Prognosen
Seit Jahrzehnten bilden historische Daten die wichtigste Grundlage für die Erstellung von Nachfrageprognosen. In einem sich heute rasant verändernden und zunehmend volatilen Umfeld können historische Daten jedoch nicht mehr isoliert betrachtet werden. Durch außergewöhnliche Ereignisse verursachte Nachfragespitzen können zukünftige Prognosen verzerren, insbesondere dann, wenn sich Verbrauchergewohnheiten oder Marktdynamiken dauerhaft verändert haben.
Aus diesem Grund muss die Nachfrageprognose durch zusätzliche Informationen aus Vertrieb, Marketing und anderen Bereichen ergänzt werden, die eng mit Kund:innen und Marktgeschehen verbunden sind. Zu verstehen, was im Markt passiert und wie sich Wettbewerber entwickeln, ist genauso entscheidend wie die Analyse vergangener Daten.
S&OP als Grundlage für eine abgestimmte Nachfrageprognose
Die Genauigkeit einer Nachfrageprognose hängt nicht allein von statistischen Modellen ab. Damit die Prognose die Marktsituation wirklich widerspiegelt, ist es unerlässlich, Erkenntnisse aus Bereichen wie Vertrieb und Marketing einzubeziehen. Genau das ist eines der Hauptziele des S&OP-Prozesses: eine gemeinsame Sicht auf die Nachfrage zu schaffen, die es dem gesamten Unternehmen ermöglicht, sich an einem einheitlichen Plan auszurichten.
Eine erfolgreiche Umsetzung erfordert jedoch mehr als nur die Einführung einer Methode. Entscheidend ist ein klares Verständnis des Prozesses, die Zusammenarbeit zwischen den Abteilungen und die Unterstützung durch das Management. Interne Fürsprecher und das Engagement der Führungsebene sind essenziell, um den notwendigen Kulturwandel voranzutreiben und Demand Forecasting als gemeinsame Verantwortung im Unternehmen zu etablieren.
Der Kunde im Mittelpunkt – unabhängig von der Branche
Auch wenn sich Prozesse und Herausforderungen je nach Branche unterscheiden, sind die Grundsätze einer erfolgreichen Nachfrageprognose universell. Ob im B2B- oder B2C-Umfeld: Das Ziel bleibt dasselbe – Kundenbedürfnisse zu verstehen und sicherzustellen, dass Produkte zum richtigen Zeitpunkt verfügbar sind. Die Geschwindigkeit mag unterschiedlich sein, doch die Bedeutung einer hohen Servicequalität bleibt konstant.
Erfahrungen aus verschiedenen Branchen zeigen jedoch auch, dass jede Lieferkette ihre eigenen Besonderheiten hat. In der Elektronikbranche liegt der Fokus beispielsweise darauf, die Versorgung mit Komponenten sicherzustellen und gleichzeitig die Bestände so gering wie möglich zu halten, um Produktionsausfälle zu vermeiden. In der Konsumgüterbranche spielen hingegen Distribution und die letzte Meile eine besonders wichtige Rolle. Bei Produkten wie Schmierstoffen besteht die Herausforderung darin, die richtige Balance zwischen Verfügbarkeit und Kosten zu finden und gleichzeitig optimale Bestände sicherzustellen, ohne unnötige Überbestände aufzubauen.
Die sich wandelnde Rolle des Nachfrageplaners
Eine Nachfrageprognose wäre ohne den Nachfrageplaner nicht möglich. Mit der zunehmenden strategischen Bedeutung des Forecastings hat sich auch diese Rolle weiterentwickelt. Was früher häufig eine gemeinsame Aufgabe von Vertrieb, Marketing und Datenanalyse war, ist heute meist eine spezialisierte Funktion innerhalb der Lieferkette oder Operations. Die Aufgabe eines Demand Planners besteht nicht mehr nur darin, Prognosen zu erstellen, sondern Informationen aus verschiedenen Bereichen zusammenzuführen, um eine Prognose zu erstellen, die die Realität des Unternehmens widerspiegelt.
Dafür benötigt ein guter Demand Planner weit mehr als analytische Fähigkeiten. Er muss den Markt verstehen, eng mit Vertrieb, Finance und Operations zusammenarbeiten und die Fähigkeit besitzen, Daten kritisch zu hinterfragen und ihre Bedeutung zu interpretieren. Trends zu erkennen, Veränderungen frühzeitig zu antizipieren und die Auswirkungen von Entscheidungen auf das Unternehmen zu bewerten – genau das unterscheidet einen reinen Berichtsersteller von einem Demand-Forecasting-Experten, der echten Mehrwert schafft.
Technologie als Grundlage für moderne Nachfrageprognosen
Technologie ist zu einem unverzichtbaren Bestandteil jedes Nachfrageprognoseprozesses geworden. Mit zunehmendem Datenvolumen und komplexeren Lieferketten wird es immer schwieriger, alle relevanten Informationen ausschließlich mit Tabellenkalkulationen zu verwalten. Spezialisierte Tools ermöglichen es, Daten zu bündeln, Berechnungen zu automatisieren und wichtige Kennzahlen übersichtlich darzustellen. Dadurch können Unternehmen schneller und fundierter entscheiden.
Technologie allein garantiert jedoch keine zuverlässige Prognose. Systeme können große Datenmengen verarbeiten, benötigen aber weiterhin das geschäftliche Know-how von Planungsteams, um Risiken, Chancen oder Veränderungen zu erkennen, die in den Daten noch nicht sichtbar sind. Die besten Entscheidungen entstehen daher durch die Kombination aus leistungsfähigen Technologien und der Erfahrung sowie dem Fachwissen der Planungsverantwortlichen.
KPIs zur Bewertung einer erfolgreichen Nachfrageprognose
Die Genauigkeit einer Nachfrageprognose wird meist anhand von Kennzahlen wie der Prognosegenauigkeit gemessen. Die Qualität einer Prognose lässt sich jedoch nicht allein daran beurteilen. Eine Prognose kann auf dem Papier korrekt erscheinen und dennoch zu Bestandsproblemen, Überbeständen oder entgangenen Umsätzen führen. Deshalb sollten zusätzlich Kennzahlen wie Bestände, veraltete Artikel und die Auswirkungen auf das gebundene Kapital betrachtet werden.
Letztlich ist eine gute Prognose eine, die bessere Geschäftsentscheidungen ermöglicht. Wenn ein Unternehmen ein angemessenes Servicelevel sicherstellt, Bestände effizient steuert und seine Prognosen an Marktveränderungen anpasst, zeigt dies, dass der Prozess funktioniert. Gleichzeitig darf nicht vergessen werden: Nachfrageprognosen sind keine exakte Wissenschaft, sondern eine Fähigkeit, die sich durch Erfahrung, kontinuierliches Lernen und die regelmäßige Überprüfung von Ergebnissen weiterentwickelt.
Die zentrale Frage: Wer trägt die Verantwortung für die Nachfrageprognose?
Auch wenn der Nachfrageplaner eine zentrale Rolle im Prozess einnimmt, sollte die Verantwortung für die Nachfrageprognose nicht allein bei dieser Person liegen. Seine Aufgabe besteht darin, den Prozess zu begleiten, die verschiedenen Abteilungen zusammenzubringen und die verfügbaren Informationen in eine abgestimmte Prognose zu überführen.
Gleichzeitig verfügen Vertrieb und Marketing über das tiefste Verständnis für Markt- und Kundenentwicklungen. Ihre Einbindung ist daher entscheidend, um eine belastbare und realitätsnahe Prognose zu erstellen.
Aus diesem Grund betrachten reifere Organisationen Demand Forecasting zunehmend als gemeinsame Verantwortung. Die Verknüpfung von Forecast-Genauigkeit mit den Zielen der Vertriebsteams kann dazu beitragen, das Engagement zu stärken und die Zusammenarbeit zwischen den Bereichen zu fördern. Letztlich lässt sich die richtige Balance zwischen Servicelevel, Beständen und gebundenem Kapital nur erreichen, wenn alle Abteilungen auf Basis einer gemeinsamen Prognose zusammenarbeiten.





